Ein Bild vom Ludwigstein
20. Familienwoche, 11. - 20.April 1992

Wir fahren durch das schöne Werratal, suchen die grünenden Berghänge nach der Burg Ludwigstein ab. Da, fast nach der letzten Kurve, die Burg hoch oben am Berg. Das Auto, vollgepackt mit Koffern, Taschen, Kuchen und vier Personen, muß nochmal kräftig ziehen.
Wir sind nicht die ersten. Auf der Terrasse vor der Burg, sitzen die Familienwöchner in der Sonne und erwarten ihre Freunde. Und immer wieder liegt man sich vor Wiedersehensfreude in den Armen. So viele Kinder, Jugendliche, Eltern und Großeltern. Das Jüngste 14 Monate, die Älteste 91 Jahre, Elisabeth. Wie kommen vier Generationen 10 Tage unter einen Hut? Ein Gewimmel, Getrappel, Geschrei! Wo werden sie nur alle schlafen? 160 Personen. Aber Friedesine hat schon alles im Griff. Wir bekommen unsere "Erkennungsmarke" und den Schlüssel für ein schönes Quartier im Meißnerbau, mit romantischem Ausblick zum Hanstein. Gleich am ersten Abend wird im Meißnersaal, der ganz neu mit Parkett und akustischen Edelputzwänden ausgestattet wurde, gesungen und getanzt. Igor Zeller, als Singemeister, hatte Lieder für Jung und Alt. Gut, daß wir Liederhefte bekamen. Am Anschlagbrett viele bunte Informationsblätter! Meute 1, Meute 2 usw., wandern, werken, basteln, tanzen, malen, spielen, schwimmen und immer wieder singen. Friedesines Kasperpuppen traten auch gleich in Aktion.
Aber wir wollten auch üben: Das Orchester mit Angela, Theater mit Sybille, Märchen mit Ulla, Erste-Hilfe-Kurs mit Tatjana und Thomas, der Jugendchor mit Beate.
Zeit und Ort mußte man gut wahrnehmen, um Einiges zu schaffen. So groß war das Angebot! Die gemütliche Kaffeestunde auch noch einplanen. Den Burgberg wollten wir auch täglich umwandern.
Mitte der Woche große Wanderung oder Besichtigungsfahrt. In Witzenhausen im Tropenhaus sahen und hörten wir viel von exotischen Nutzpflanzen. Im Brotmuseum in Mollenfelde staunten wir über die Backgeräte und Gewohnheiten unserer Vorfahren.
Am Kamin erzählte Wilhelm die Geschichte und Legenden vom Ludwigstein. Anderen Tags hörte und staunte ich: die 12 - 14 jährigen Jungen boten Besuchern Burgführungen an, die Wilhelms Erzählungen wiedergaben. An einem Nachmittag gab das Orchester ein gut gelungenes Konzert mit klassichen und modernen Stücken. Am Abend das Schattenspiel der Meuten, zwei chinesische Märchen, "die Aprikosengöttin" und "der kluge Dieb". Auch sie bekamen viel Beifall, es war köstlich.
Bei Regen wurde Holz für das Osterfeuer gesammelt und aufgebaut. Als wirbei anbrechender Dunkelheit mit Laternen und Fackeln zum Platz zogen, hatte ich so meine Bedenken. Aber bald züngelten die Flammen hoch und die Strohpuppe "Winter" verglühte.
Nun war schon Ostersonntag. Wir, der Madrigalchor, sangen in der kleinen Kirche in Werleshausen. Für die Früh- und Spätaufsteher gab es, ganz verwirrend, Brunch. Das müssen wir noch üben!
Am Nachmittag im Meißnersaal "Wiener Cafeehaus". Mit Geigenmusik und anderen Solisten, der Jugendchor mit spritzigen Songs.
Die Kinder waren schon ganz schön geschafft, manchen mundete nicht mal mehr der gute Kuchen. Dabei hatten wir den bunten Abend noch vor uns. Diese Darbietungen waren so großartig und originell, ich kann sie gar nicht mehr alle aufzählen. Da kamen die Burggespenster, die Vampire. Das Spiel der Sketche war aus dem Leben gegriffen. Der Barbier von Sevilla schmetterte bühnenreif seine Arie. Eine Überraschung jagte die nächste. Unsre Lachmuskeln wurden arg strapaziert. Es war einfach herrlich. Mit der wehmütigen Yesterday-Melodie klang der Abend aus.
Nur das Kofferpacken hat uns wieder ernüchtert. Es gab manche Träne beim Abschiedssingen. - Wir, meine Enkelkinder und ich haben diese Woche zum ersten Mal erlebt und kommen bestimmt gerne wieder.

Hilde Langenkamp

Aus: Ludwigsteiner Blätter, 3/1992


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