Ein Bild vom
Ludwigstein
Familienwoche vom 9. April bis 14. April 1995

Mit Sonnenschein und Sturm reisten wir erwartungsvoll dem Ludwigstein entgegen.
Friedesine, Maike, Dorle und Holger hatten sich schon vorher Gedanken gemacht wie ca. 100 Gäste von 3 bis 90 Jahren zu beschäftigen, zu aktivieren sind. Zumal die ersten Tage der Sturm den Regen heftig über die Berge jagte. Aber Wandervögel kennen kein schlechtes Wetter; nur unzweckmäßige Kleidung.
Also wurde gewandert und wenn es die vorletzte trockene Hose kostete. Traurig war nur, daß die von den Kindern bemalte, auf dem Turm gehißte, gelb, rot, grüne Fahne vom Sturm zerrissen wurde (grün, rot, gold die Wandervogelfarben).
Aber so etwas hatten wir ja noch nie erlebt! Friedesine wollte ihre Puppen nicht tanzen lassen. Da kannte sie ihre Familienwöchner aber schlecht, sie protestierten lautstark auf dem Hof. Also öffnete sich die Puppenbühne; und Kasper, Räuber, Teufel und ein riesiger Geist faszinierten die Kinder derart, daß sie mit kecken Zurufen und guten Ratschlägen das Spiel belebten.
Einen besonderen Nachmittag bescherte uns der Jugendautor Günter Sachse, mit einer spannenden Lesung und Erzählung, aus seinem Buch "Hinter den Bergen die Freiheit". Ich glaube, diese außergewöhnliche Schilderung hat manchen zum Lesen angeregt.
Am Mittwoch führte uns Holger in einen herrlichen Teil des Kaufungerwaldes. Bequem reisten wir mit allen Pkw an. Die geübten Wanderer gingen einen Rundweg von ca. sechs km, auch auf den Bielsteinaussichtsturm konnten sie steigen. Holger erklärte alles anschaulich und konnte als Förster alle Fragen beantworten. Leider war uns Petrus nicht hold, der Nebel und Nieselregen machten den Wald nicht sehr freundlich. In dem sonderbaren Basaltsäulensteinbruch fanden wir eine große Blockhütte und eine Feuerstelle vor, wo wir unsere Suppe verzehren konnten. Für die Kletterer waren die Basaltsäulen eine doppelte Attraktion. Trotz Regens wurde gespielt und getanzt, auch der Spielplatz auf der großen Wiese wurde eifrig genutzt.
Norbert war eigens aus Rotterdam angereist um uns den Harlekintanz auf der Drehleier vorzuspielen. Im Mittelalter spielte man schon auf so einem ähnlichen Instrument.
Igor war auch wieder da, mit seinen schwungvollen Liedern, Humor und guter Laune brachte er morgens Alt und Jung in Schwung. Die Sonne kam wieder und unsere Stimmung wuchs!
Es wurde gemalt und gebastelt mit Holz und Papier. Am beliebtesten war die Porzellanmalerei; Helga konnte kaum genug Teller und Tassen herbeischaffen.
Karfreitag dann ein klassisches Konzert mit den treuen Spitzenmusikern. Auch einige Stücke mit den Anfängern. Wie Angela das immer schafft, bewundernswert!
Es war ein besinnlicher schöner Tag, wir konnten die Natur genießen.
Bei Bettina sammelte sich das Theatervolk. Sie führten uns das "Räuberhaus Ludwigstein" vor. Einfach köstlich diese Wende der Räuber. Zuschauer und Akteure waren happy. Beate hatte afrikanische Trommeln und andere rythmische Instrumente mitgebracht. Daran wollte sich fast die ganze Jugend ergötzen. Aber auch dabei muß man Taktgefühl haben. Vor allem muß Holz für das Osterfeuer gesammelt und dieses aufgebaut werden. Mit Fackeln und Laternen startete bei Dunkelheit der Umzug. Wird das Feuer dieses Jahr wieder hell brennen? Spannend blieben die ersten Minuten; aber dann loderten die Flammen empor bis die Strohpuppe "Winter" verbrannte.
Bei Tschaj, gut heiß aus dem Fahrtenkessel und Stockkuchen, über der Glut gebacken, beobachteten wir die niedergehende Feuersglut.
Ostersonntag ausschlafen und dann wiedermal Brunch! Köstlich appetitlich und so vielfältig und reichlich waren die Speisen von den Küchenmeisterinnen aufgebaut. Da hatte Frau und Mann Schwierigkeiten mit der Sättigungsgrenze.
Nachmittag Wiener Cafe wieder im Meißnersaal. Wiederum scheut die Jugend keine Mühe, Tische und Stühle, Kaffee und Kuchen in den Saal zu transportieren.
Unser Thema war ja eigentlich das Mittelalter; also sang der Madrigalchor vier Lieder aus dieser Zeit. Schöne alte Streichmusik und Lieder mit Begleitung rundeten den Nachmittag ab. Wir mußten uns ja noch auf den bunten Abend vorbereiten.
Denn da sah man das mittelalterliche Volk erneut zusammenströmen. Edelifäulein, Knappen, Bauern, Bürger und das Dienstvolk. Die drei Musketiere natürlich säbelrasselnd auch dabei. Der Herold, ganz in Würde, sagte wohl zwanzig Darbietungen an.
Friedesine und Ulla wurden mit Dankesworten und bunten Ehrenurkunden für ihren langjährigen Einsatz in der Familienwoche geehrt. Das schöne Album mit Fotos und Unterschriften von allen Teilnehmern bekam Friedesine. Denn tatsächlich gibt sie die Leitung dieser schönen Osterwoche an Maike und Dorle ab.
Doch ich bin mit meinem Bericht noch nicht am Ende. Da kam zunächst Beate mit ihrer musikalischen Meute um uns in Stimmung zu bringen. Fräulein Kunigunde, von der zarteren Seite, hatte den Applaus für sich. Die bayrischen Rittersleut wollten uns auch noch ihre Kultur aufzwingen. Der arme König Eberhardt, kein Gaukler, Hofnarr oder gar die pfiffigen Jongleure konnten ihm ein Lächeln abgewinnen. Auch Robin Hood war mit von der Partie im historischen Mittelalter.
Semy trat als Gaukler in die Runde und führte mit einem Diabolo erstaunliche Jongleurstücke vor. Zwei fahrende Musikanten wußten viel über Freud und Leid der alten Rittersleut zu singen.
Freifrau Friedesine von Strüver verschenkte großzügig Kasperpuppenkinder. Gerhild und Hans gaben Episoden aus der alten Zeit zum Besten. An der Brücke über den Main brauchte man, statt zu zahlen, nur drei Fragen zu beantworten. Doch die meisten Passanten, ob zu Fuß oder zu Roß, fielen in's Wasser.
Der Chor sang: "Protection of Paradise". Eine Kinderprozession näherte sich verhaltenen Schrittes. Die Nonne lächelte und betete für alle. Am Montag in der Schlußrunde trug Hans, in vielen Versen, nochmals den Dank an Friedesine vor. Leider kann ich diese Verse nicht wiedergeben.
Wir danken ihr für die schönen Stunden, die wir sorglos auf der Burg verbringen durften.

Hilde Langenkamp

Aus: Ludwigsteiner Blätter, 2/1995


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